«Berner Oberländer», 11. Mai 2007/Hans Rudolf Schneider
Altes Relief wieder wie neu
Im Juni präsentiert die Kulturgutstiftung Frutigland eine Ausstellung über die Entwicklung der Verkehrswege in der Region. Das erneuerte Relief des Berner Oberlandes von Simon-Simon stellt einen besonderen Anziehungspunkt dar.

Reliefbauer Toni Mair an der Arbeit
Das flächenmässig grösste Relief der Schweiz zeigt den «Schmuckkasten des Schweizerlandes», heisst es in einer Überlieferung des Ingenieurs Simon-Simon. Das Berner Oberland ist im Massstab 1:10000 nachgebildet und zeigt nebst der Jungfraugruppe als Mittelpunkt, das Finsteraarhorn, den Thuner- und Brienzersee, das Wetterhorn und vielen anderen Gipfel der Berner Alpen auf einer Fläche von über 25 Quadratmeter.
Ein strahlend weisser Abguss dieses Werkes wird der Mittelpunkt der Ausstellung «Vom Säumerpfad zur Neat», welche vom 8. bis 23. Juni im Foyer der Sporthalle Widi zusehen sein wird (siehe Kasten). Das Kunstwerk – im Dachstock des Sekundarschulhauses Reichenbach gelagert – hat jedoch gelitten und wird derzeit von pensionierten Geographielehrer und selbstständigen Reliefbauer Toni Mair in Schuss gebracht.
Aus der Dokumentation von Urs Gilgien von der Kulturgutstifutng geht hervor, dass die Begeisterung für die Landschaft, die sich vom Mittelland über die Voralpen bis zu den höchsten Gipfeln schwingt, der Auslöser für die Idee des Ingenieurs und Kartographen Simon-Simon war. Als detailgetreue Miniaturansicht sollte die Arbeit Werbung für den aufblühenden Tourismus machen und gleichzeitig der militärischen Ausbildung sowie dem Alpenclub dienen. Bereits lange vor seiner Vollendung wurde das Relief an den Weltausstellungen in Paris und Mailand präsentiert und mit Preisen geehrt. Insgesamt 28 Jahre, in welchen er die Karten studierte und die Berge selbst mehrmals bestieg, beschäftigte sich der Meister mit der Kleinausgabe der Berner Alpen. Zu erwähnen bleibt, dass Simons Mitarbeiter Josef Reichlin aus Arth ganze zwei Drittel des gesamten Reliefs fertigte. 1913 schliesslich löste das finale Lebenswerk des Baslers bei der Bevölkerung und den Kennern solch grosses Interesse aus, dass mehrere Abgüsse gefertigt wurden. Auch der Kanton Bern und der SAC erwarben damals eine bemalte Ausgabe des Reliefs.
Die Originalausgabe des «Mini-Oberlandes» verschwand und tauchte erst Jahrzehnte später im Kulturgüter-Schutzraum in Sarnen wieder auf. Nach dem Unwetter im August 2005 lag das Kunstwerk unter vier Metern Schlamm und Wasser begraben. Dank der sorgfältigen Arbeit des Erbauers und einer mehrwöchigen Instandstellung durch Toni Mair konnte das Landschaftsabbild jedoch praktisch unbeschädigt gerettet werden.
Eine aufregende Geschichte hat ebenfalls der 350 mal 480 cm grosse Abguss, welcher an der Ausstellung zu Ehren der Neat-Eröffnung präsentiert wird, hinter sich: Angestellte der Universität Bern räumten anlässlich eines Umbaus in den siebziger Jahre den Keller der Laborräume. Urs Gilgien, der an der Ausstellung mitwirkt, zitiert Professor Doktor Toni Labhart: «Unwillig erlaubte man mir, die Stücke auf dem Vorplatz zusammenzustellen. Erst in diesem Moment habe ich gemerkt, dass es sich um ein komplettes, wenn auch an vielen Ecken angeschlagenes Simon-Relief handelt».
Da das Relief als Ganzes für eine gebührende Lagerung zu mächtig war, entschloss sich Labhart, die verschiedenen Teile einzeln an Interessierte abzugeben. Der östliche Teil mit Grindelwald und Eiger steht im Tourismusbüro Grindelwald, der Südteil mit dem Aletschgletscher im Naturschutzzentrum Riederfurka und der Teil mit dem Brienzersee verwaltet die Schule Gsteigwiler. Der grösste Teil des Abgusses mit den Eckpunkten Thun-Harder-Bietschhorn-Plaine Morte landete im Estrich der Sekundarschule Reichenbach. Toni Mair bessert dort die Schadstellen aus, setzt fehlende Ränder an und ersetzt verloren gegangene Berggipfel und Grate. Den grössten Schaden muss er jedoch im Thunersee beheben, in welchem in der Mitte ein Loch mit ca. 15 cm Durchmesser prangt. Das fertig restaurierte Objekt wird nach der Ausstellung der Kulturgutstiftung Frutigen übergeben.
Nicht nur das fertige Kunstwerk, auch seine Entstehung ist faszinierend: «In der Bevölkerung ist die Meinung weit verbreitet, dass der Reliefbau eine Bastelarbeit sei», erzählt Toni Mair. Doch weit gefehlt; denn die massstabgetreue dreidimensionale Landschaftsabbildung ist eine zeitaufwendige, detailgetreue und leidenschaftliche Arbeit, welche dem Erbauer morphologisch-geologische Kenntnisse, viel Geduld und Fingerspitzengefühl abverlangt. Die Voraussetzung für den Bau eines Reliefs seien Landkarten mit eingezeichneten Höhenlinien und stereoskopische Luftbilder, erzählt Mair. Die Schweiz sei in der Kartografie absolut führend, nirgends sonst würde man solch genau gezeichnete Karten finden. Trotzdem bleibt der Gang «ins Feld» für den Fachmann unabdingbar.
Der Reliefbau beginnt mit dem Aufzeichnen bestimmter Höhenkurve auf 0.6–5 Millimeter dünnen, vom Massstab abhängigen Sperrholzplatten, welche feinsäuberlich ausgesägt werden. Die einzelnen Teilchen bilden zusammengeklebt ein Treppenstufenmodell, welches die genauen Höhenkurven wieder gibt. Die Holzkonstruktion wird im nächsten Arbeitsschritt in ein Gipsmodell umgegossen, da die feine, detaillierte Arbeit am Treppenstufenmodell nicht ausgeführt werden kann. In dieser Form erst beginnt der Erbauer mit der Schnitzerei, dem Anmalen und Gestalten des geographischen Inhaltes. Dies geschieht mit einer bemerkenswerten Detailgetreue: So siebt Toni Mair den Sand für den Wald nach Korngrösse, färbt ihn ein und trägt ihn in mehreren millimeter-dünnen Schichten auf.
«Ein Relief ist immer eine Momentaufnahme und sollte nicht korrigiert werden», meint der Reliefbauer. Die Veränderungen im Laufe der Zeit sollen sichtbar sein. Das Abbild der Natur sei prädestiniert, um beispielsweise den Rückgang der Gletscher, oder das Verschwinden von Waldstücken in den vergangenen Jahren zu dokumentieren.
Wie ein Teil der «Schweizer Welt» zum Anfassen nah aussieht, können Interessierte vom 8. bis zum 23. Juni im Foyer der Sporthalle Widi in Frutigen erfahren. Jeder Besucher hat dort einmal die Möglichkeit sich als Herrscher zu fühlen und das Berner Oberland von «oben herab» zu überblicken.