«Berner Oberländer», 26. August 2006/Jacqueline Schwander
Alte Mühlsteine geben Rätsel auf
Über die Geschichte der Mühlensteine wird seit fast 80 Jahren gerätselt. Der Frutiger Fritz Allenbach hat sich auf die Suche gemacht und weitere Steine gefunden. Nun sind es 13 Mühlensteine auf und um den Niesen.

Fritz Allenbach zeigt Bilder von gefundenen Mühlsteinen
Sie haben einen Durchmesser von 110 bis 120 Zentimetern, sind durchschnittlich 16 Zentimeter hoch, haben in der Mitte ein kreisrundes Loch von 9 bis 12 Zentimetern und wiegen über 350 Kilogramm: die Mühlensteine vom Niesen. Obwohl die Steine bereits 1820 in einem Reisebericht im Büchlein «Sagen aus dem Frutigland» von Fritz Bach erwähnt und beschrieben sind, wurde dem erst 100 Jahre später nachgegangen. Walter Zahler beschäftigte sich als Erster mit diesem Thema und machte sich 1928 auf die Suche, entdeckte sieben dieser Steine und begann mit den Nachforschungen. «Durch Bilder und Briefe des verstorbenen Walter Zahler fand ich noch drei weitere Mühlensteine und konnte deren Koordinaten aufnehmen», erzählt Holzbauingenieur Fritz Allenbach. Aber auch Hinweise von alt Zimmermeister Hans Allenbach spornten den passionierten Bergsteiger an, mehr über die Steine zu erfahren. Allerdings waren sie zum Teil sehr stark mit Moos und Gras überwachsen.
Über die 13 gefundenen Steine bestehen bloss Vermutungen, wie, wann und warum sie produziert wurden. Fritz Allenbach glaubt, dass die Bauern des späten Mittelalters diese Mühlensteine als Nebenverdienst gefertigt und mit Holzschlitten oder auf Tannästen ins Tal befördert haben. «Wahrscheinlich wurden die Steine mit Hammer und Meissel aus der harten Niesen-Brekzie zurechtgehauen. Wie die Hersteller aber ein so exaktes, rundes Loch herausschlagen konnten, bleibt ein Rätsel», meint der Frutiger.
Immerhin lassen die Ortsnamen der nahe gelegenen Dörfer Rückschlüsse auf eine Verbindung mit Mühlen zu. «Fast jedes Dorf im Frutigland hatte früher eine Mühle», weiss Fritz Allenbach. Dass es aber auch eine Mühle auf dem Niesen gab, sei eher unwahrscheinlich. Klar sei dafür, dass die Steine im Groppi-Gebiet hergestellt wurden. «Dort sind sechs Stück ziemlich nahe beieinander gefunden worden», erklärt das Mitglied der Kulturgutstiftung Frutigland. Es ist sogar möglich, dass er einen vierzehnten Rätselstein gefunden hat. «Dieser ist auch ganz rund, doch fehlt ihm das Loch in der Mitte. Deshalb kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass er zu den Mühlensteinen gehört», meint Fritz Allenbach. Er fand diesen Stein auch im Groppi-Gebiet, ganz in der Nähe der sechs anderen. War also im Groppi-Gebiet eine kleine Produktionsstätte? Warum sind noch so viele Steine vorhanden? War das Steinmaterial als Mühlenstein nicht geeignet? Und falls der zuletzt gefundene Stein tatsächlich ein Mühlenstein sein sollte, wieso ist er nicht fertiggestellt worden? Um solche Fragen beantworten zu können, hofft Fritz Allenbach auf eine schriftliche Überlieferung. «Anders werden wir das Rätsel um die Steine wohl nicht lösen können.» Deshalb durchforscht er Archive nach Dokumenten.
Während der höchstgelegene Stein auf 2070 Metern über Meer liegt, wurde ein Stein in Chneuweid und ein anderer in einem Garten in Reudlen ausgegraben. Der dreizehnte und bisher letzte Stein wurde auf der Neat-Baustelle in Wengi gefunden. Dieser sei aber nicht aus dem Niesen-Gestein, so Allenbach, sondern aus normalem Kalkstein. Diese Erkenntnis wirft weitere Fragen auf.Einer der «Findlinge» wurde 1976 per Helikopter ins Tal gebracht und beim Flugplatz Reichenbach platziert. Anfang August dieses Jahres kehrte dieser, dank der Initivative von Hans Winiger und Fritz Allenbach, mit der Niesenbahn zurück auf den Gipfel. Nun treffen ihn die Besucher beim Niesen-Rundgang an und erfahren dank einer Informationstafel von Hans Winiger mehr über das Rätsel der Mühlensteine.