Die Uhren-Industrie

Die erste Uhr mit Rubinstein-Lagern für die feinen und ultrapräzisen Zahnräder wurde bereits 1705 in Frankreich hergestellt. Seit 1850 gehörten sie in der schweizerischen Uhrensteinbranche zum Alltag. Anfangs benutzte man echte Rubine, die mit der Zeit von künstlichen verdrängt wurden. Der Rubin gehört zusammen mit Diamant zu den härtesten bekannten Materialien.

Die Bearbeitung von Uhrensteinen (Erklärungen siehe am Schluss des Textes) hatte während langer Jahre in Frutigen eine beträchtliche wirtschaftliche Bedeutung, wie die Geschichte am Beispiel der Brügger AG zeigt (Quelle: Firmenchronik).

Der spätere Gründer Jakob Brügger wurde 1848 bei Herzogenbuchsee geboren. Zusammen mit seiner zweiten Frau wohnte er in der „Alten Gerbi“ im Unterdorf von Frutigen und betrieb neben dem Coiffeurgeschäft eine Steindreherei mit fünf Arbeitern. Er suchte bald nach Möglichkeiten, seinen kleinen Betrieb auszubauen. Die Gelegenheit bot sich, als eine Zündholzfabrik und eine Tuchwalkerei im Künzisteg eingingen. Brügger kaufte die Walkerei, erneuerte die Wasserkraftanlage (Wuhrkanal) und baute ein Bohratelier für 15 Mitarbeiter. Er selber arbeitet aber weiterhin als Coiffeur.

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Gesamtansicht der Uhrensteinfabrik Brügger AG um 1945

Der neue Betrieb im Künzisteg musste etliche Schwierigkeiten bewältigen: Bei Hochwasser der Engstlige war die Stromversorgung durch den Wuhrkanal nicht gesichert und morgens mussten oftmals die Maschinen aufgetaut werden. Eine industrielle Neuerung, die grosse Auswirkung auf das Bestehen der Firma hatte, war die Einrichtung der elektrischen Arbeitsplatzbeleuchtung. Die Anlage für 85 Kohlefadenlampen entwickelte Brügger sogar selber. Dadurch war es möglich, auch bei ungenügendem Tageslicht die Qualität und Quantität der Produkte zu gewährleisten.

Die zwei Söhne des Gründers Jakob und Hans, wurden mit der Zeit in den Betrieb integriert. Jakob hatte Mechaniker gelernt und machte sich später einen Namen mit vielen nützlichen Eigenkonstruktionen. Diese kamen nicht nur in Vaters Firma zum Einsatz, er entwickelte auch Maschinen für die Zündholz- und Schieferindustrie. Hans lernte bei seinem Vater Coiffeur, stieg aber nach Auslandaufenthalten auch in die Firma ein.

Um die Jahrhundertwende wurde auf dem Maschinenhaus eine Wohnung aufgebaut und die Familie zog um. Gleichzeitig wurde die eingegangene Zündholzfarbik gekauft. Zusätzlich wurde für die Grandissageabteilung ein neues Gebäude erstellt. Der erste Weltkrieg brachte grossen Aufschwung für die Firma, wurde aber vom Tod des Gründers überschattet. Hans, seit 1908 mit Lisette Trachsel verheiratet, übernahm den Betrieb. Neben dem Ausbau des langen Gebäudes wurden nochmals zwei neue erstellt.

Den grössten Aufschwung erlebte die „Fabrik“, wie sie im Volksmund genannt wurde, in den Jahren 1924 bis 1937. Die Zahl der Arbeiter stieg von 180 auf 331 – krisenbedingt war sie jedoch zwischen 1931-33 auf 20 abgesunken. Hans Brügger starb kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieg im Dezember 1939. Seine Frau Lisette übernahm zusammen mit der Tochter Henriette und den Söhnen Hans und Rudolf den Betrieb und führte ihn weiter.

Nach dem Jubiläumsjahr 1957 folgte im Januar 1958 eine schwere Krise in der Uhrenindustrie. Viele Uhrenhersteller waren verunsichert und brauchten ihre eigenen Reservebestände an Uhrensteinen auf. Dadurch bekam die Brügger AG nur noch spärlich Aufträge. Trotz ungewisser Zukunft wurden 1962 neue Bohrautomaten der Firma Meyer und Burger angeschafft, mit denen man auch die Arbeitsgänge Creucage und Bombé durchführen konnte. Durch die schlechte Arbeitslage war man gezwungen, die Arbeitsschritte zu rationalisieren.

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Arbeit in der Uhrensteinfabrik im Künzisteg

Während einiger Jahre wurde im Wallis zusätzlich ein kleines Atelier mit 15 Arbeitern betrieben. Dort wurden hauptsächlich kleine Uhrensteine hergestellt, da man in Frutigen nicht mehr genug junge Arbeiter fand, die für diese Arbeit geeignet waren.

Durch das Aufkommen der elektronischen Uhren in den 1970er Jahren wurden die Uhrensteine nur noch in kleinen Mengen benötigt. Diese Tatsache und die Konjunkturkrise in der selben Zeit zwangen die Brügger AG 1972 schliesslich zur Betriebsschliessung. Die meisten Arbeiter fanden in den Firmen Hydrotechnik (heute Bucher) und Halter AG eine neue Arbeitsstelle. Das letztgenannte Unternehmen nahm seine Tätigkeit 1972 in einem ehemaligen Atelier der Brügger AG auf.

Bis etwa 1985 wurde durch die Firma Rudolf Brügger AG (mit Sitz im Tessin) im Künzisteg Uhrensteine produziert. Dann wurden die Ateliers endgültig geschlossen. Heute ist in den ehemaligen Fabrikgebäuden das Ferienzentrum Künzisteg eingerichtet.

Wichtige Firmendaten
* 1887: Gründung der Firma Jakob Brügger in der Alten Gerbi, Frutigen
* 1892: Betriebsverlegung in den Künzisteg. Beginn des Bohrens und Grandierens von Uhrensteinen
* 1917: Betriebsübernahme durch Hans Brügger. Einführung der halbautomatischen Grandiermaschine
* 1929: Bau des mittlerweile fünften Ateliers im Künzisteg
* 1930: Beginn des Rundschleifens
* 1933: Drehmaschinen des Typs. Jak. Brügger werden eingeführt
* 1938: Tod von Jakob Brügger
* 1939: Tod von Hans Brügger
* 1940: Einbau der neuen Wasserturbine mit 25 kW Leistung
* 1946: Einführung der elektrischen Arbeitsplatzbeleuchtung
* 1951: Gründung der Familien AG
* 1954: Neonbeleuchtung
* 1957: Einführung der 5-Tage-Woche
* 1972: Schliessung der Brügger AG
* 1985: Das endgültige Aus der Uhrensteinindustrie in Frutigen

Erklärungen - Bearbeitungsstufen der Rubinsteine als Uhrensteine
1. Perçage: Bohren des Innendurchmessers
2. Grandissage: Präzises Ausschleifen der Innenbohrung
3. Verifiage: Schleifen der Aussenflächen
4. Tournage: Bearbeiten des Aussendurchmessers
5. Creucage: Ölwanne in der Innenbohrung herstellen
6. Bombé: Rundung am Aussendurchmesser herstellen